size matters

basis, Frankfurt am Main
2011
PVC Folie auf Rigips
4,10 x 30,00 m

Perspektiven der Wahrnehmung
Ulrich Becker im Frankfurter Atelierhaus "basis"

Selbst Thomas Kapielski hat nicht immer recht. Denn dass große Bilder, wie er einmal sarkastisch bei einem Rundgang durch das Museum für Moderne Kunst bemerkt hat, vor allem deshalb interessierten, weil sie schlicht mehr Geld brächten, kann eigentlich so ganz nicht stimmen. Denn reich ist etwa Ulrich Becker mit seiner konzeptuellen Malerei bislang vermutlich eher nicht geworden.
  Zwar hat er seine aktuelle Arbeit im Frankfurter Atelierhaus "basis" (Gutleutstraße 8-12) mit dem "ironischen Angebertitel" (Becker) "size matters" überschrieben. Und in der Tat sind die Maße der mit farbigen Kunststofffolien ausgeführten Wandarbeit mit einer Höhe von vier und einer Länge von 30 Metern und der vom Künstler vorgenommene Eingriff in die Architektur des Gebäudes gewaltig. Doch als temporäres, 'eigens' für diesen Ort und diese Raumsituation entstandenes Kunstwerk wird es nach der Schau wieder verschwinden.
   Und mit ihm die von Becker gleichsam als Bildträger ein- gezogene, Foyer und Ausstellungsräume kühn durchschneidende und mithin neu definierende Rigipswand, die freilich als Architektur die Gesamtwahrnehmung der Arbeit absichtsvoll frech torpediert. Denn nicht nur, dass der einstige Meisterschüler von Per Kirkeby den Betrachter zwar mit einer Torsituation empfängt, dann aber erst einmal an der rohen Rückwand des Bildes durch die verengten Räume des ganzen Erdgeschosses führt. Vielmehr wird die Wahrnehmung von
„size matters" permanent gebrochen.
   Malerisch insofern, dass Farbe, Form und Lineaturen hier flächig, dort tiefenräumlich gestaffelt erscheinen, Becker mit den computergeschnittenen Folien gestisch anmutende Passagen mit mal organisch wabernden Formen, mal landschaftliche Impressionen nahelegenden Binnen- kompositionen und ironischen "Farbspritzern" verknüpft. Vor allem aber setzt er den Betrachter in jedem der fünf wie mit dem Messer durchschnittenen Räume in eine andere Distanz zur je unterschiedlich bemessenen Teilfläche und schafft überdies mit den Durchgängen stets neue Perspektiven auf ein von Raum zu Raum mit wechselnden Ausschnitten sich präsentierendes Bild. Zwar mag man mit dem 1966 in Heidelberg geborenen Künstler angesichts dieser abstrakten Malerei von beinahe "klassisch erzählerischen" Binnenstrukturen sprechen. Allein, als per se ausschnitthaft sich darstellenden "Text" kann man sie auch allenfalls fragmentarisch lesen.
Nur Worte, Begriffe, einen Absatz vielleicht und gelegentlich gar eine längere Passage, über deren Fortsetzung man derweil mutmaßen, womöglich mit Gründen spekulieren mag, indes kaum mehr. Denn es zu überprüfen ist schlechterdings unmöglich. Das könnte man, nach dem Ende der "großen Erzählungen", konstitutiv nennen für die Weltwahrnehmung
in der Postmoderne. "Size matters" zieht daraus die Konsequenzen: Das Verhältnis vom Ganzen und seinen Teilen; Becker definiert es immer wieder neu.


CHRlSTOPH SCHÜTTE

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