KREDIT music theatre

Concept, Video, Music and Direction: Daniel Kötter & Hannes Seidl
Setting and Assistance: Rahel Kesselring

With: Michael Zapf, Ascan Iredi, Florian Witt, Choir of the German Bundesbank

Music, Sound: Andrea Neumann, Peter Sandmann & Sebastian Berweck

Speaker: Dunja Funke, André Schmidt

Experimental film-maker Daniel Kötter and composer Hannes Seidl, who have been working together closely since 2008, combining advanced forms of documentary narrative with New Music, have set their sights pretty high. In the next few years they are setting out to study nothing less than the fundamental conditions of social action by means of film and composition with their project series “Ökonomien des Handelns”. It is to be about love, security and law. In the first instalment they focus on an economy of action that has come to the fore as highly suspicious in the years of the global financial crisis – the economy of action with money, symbolised by the banker’s profession.
Kötter and Seidl bring representatives of this profession on stage for KREDIT who they had filmed in Frankfurt, not only during their work, but also during their leisure time. Putting a film together from this material, although the soundtrack has been deleted. A strange menagerie puts the film to music live on stage. Among them, two noisemakers who use the sound of air-conditioning systems, echoing steps in the corridor or the clicking of computer keyboards to create the typical ambience of different film genres, and a dubbing actor who gives his voice to the characters. Individual bankers from the film are on stage too, creating the soundtrack, from subtle to totally rackety noise textures. They are accompanied by the amateur choir of the German Bundesbank singing credos of musical history and contemporary commentaries , chorals and political battle anthems. A credo against probability, banker docufiction and post-punk oratorio in a film setting between TV feature and Hollywood.
Co-produced by steirischer herbst & Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt am Main)

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Der Experimentalfilmer Daniel Kötter und der Komponist Hannes Seidl, die seit 2008 intensiv zusammenarbeiten und dabei avancierte Formen dokumentarischen Erzählens mit Neuer Musik verbinden, haben sich einiges vorgenommen. In den nächsten Jahren wollen sie in ihrer Projektreihe „Ökonomien des Handelns“ mit den Mitteln des Films und der Komposition die grundlegenden Bedingungen sozialen Handelns untersuchen. Um Liebe soll es gehen, um Recht. In der ersten Folge wenden sich die beiden einer Ökonomie des Handelns zu, die in den Jahren der globalen Finanzkrise verstärkt ins Blickfeld geraten und dabei überaus suspekt geworden ist – die Ökonomie des Handelns mit Geld, symbolisiert durch den Berufsstand des Bankers.

Kötter und Seidl bringen für „KREDIT“ einen Stummfilm über diesen Stand auf die Bühne. Sie haben hierfür in Frankfurt Banker bei der Arbeit, aber auch in der Freizeit und im Kreis ihrer Freunde mit der Kamera begleitet und daraus einen Film geschnitten, dessen Tonspur ausgelöscht wurde. Für die Neu-Vertonung sorgt eine seltsame Gesellschaft live auf der Bühne.

Drei Geräuschemacher sind darunter, die mit dem Sound von Klimaanlagen, dem Hall von Schritten im Gang oder dem Klappern von Computerkeyboards für Atmosphäre, von feinen bis zu gehörig krachenden Noisetexturen sorgen, sowie zwei Synchronsprecher, die den Figuren des Films ihre Stimme verleihen. Dazu singt der Chor der Deutschen Bundesbank Credos der Musikgeschichte und zeitgenössische Kommentare, Choräle und Kampflieder. Ein Glaubensbekenntnis wider die Wahrscheinlichkeit, Banker-Doku-Fiktion und Stummfilm-Oratorium in einem Filmsetting zwischen TV-Reportage und Hollywood.

Misstrauen im Finanzsystem

Inspirationen, Herausforderungen, Zusammenhänge, Hintergründe: In einem kurzen Interview mit dem steirischen herbst skizzieren Daniel Kötter und Hannes Seidl den Arbeits- und Rechercheprozess von „Kredit“.

Dass wir uns für die unterschiedlichsten Kombinationen von Bildern, Klängen und Bühnenvorgängen interessieren, hat auch ein bißchen damit zu tun, wo wir jeweils herkommen. Als Experimentalfilmer und Videokünstler mit musik- und theaterwissenschaftlichem Hintergrund sowie als Komponist mit Erfahrungen im Installations- und Performance-Bereich gab es bei uns von Beginn der Zusammenarbeit 2008 an eine ganze Menge Gemeinsamkeiten in der Arbeitsweise. Das Interesse für die Komposition von Zeitverläufen im allgemeinen gepaart mit der Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit dessen, was unser Sozial- und Kulturleben eigentlich so zusammenhält: die Mechanismen von Arbeit und Freizeit, Geld und Geltung.

In unserer Zusammenarbeit – „KREDIT“ ist die fünfte große Bühnenarbeit, dazu kommen Filme oder Installationen – haben sich die klaren Abgrenzungen der Medien und Aufgabenverteilungen immer mehr verschoben, bis hin zu Momenten, wo Musik eigentlich in einem strengeren Sinne so gar nicht mehr unbedingt vorkommt. Andererseits gibt es aber auch Stücke, in der das musikalisch-kompositorische Element eine große Rolle spielt.

In „KREDIT. Von der Erwartbarkeit zukünftiger Gegenwarten“ geht es uns um die Untersuchung der Tatsache, dass man sich ständig Systeme schaffen muss, Erklärungsmuster oder Narrationen, die unendlichen Möglichkeiten der Zukunft für sich zu organisieren, so dass man sein gegenwärtiges Handeln darauf abstimmen kann – und zwar auf inhaltlicher und formaler Ebene. Das weltweit markanteste, für jeden Einzelnen politisch und ökonomisch folgenreichste Beispiel ist nunmal das Finanzsystem.

In der Idee des Kredits kristallisiert sich dieses Muster: Man projiziert in die Zukunft um sein gegenwärtiges Handeln abzustimmen. Um überhaupt handeln zu können, um dieses immaterielle Geschehen vorwärts treiben zu können, brauche ich meine Erklärungsmuster, brauche ich meine Narrationen. Sei es psychologischer Art, sei es mathematischer Art. Uns interessiert es nun, genau mit diesen Erwartungshaltungen zu spielen und deshalb haben wir auch diese Form gewählt: einen dokumentarischen Stummfilm, der dann durch Musiker, Geräuschemacher und Sprecher, die dem Film einen Soundtrack geben, auf der Bühne fiktionalisiert wird.

Die größte Herausforderung bei der Recherche war, nicht nur an Informationen zu kommen, sondern ein Gefühl dafür zu entwickeln, was dieses für uns eher fremde Gebiet des Finanzsystems ausmacht, weil es sich selber so abschließt. Das heißt: Nach außen hin sind die Türen immer noch zu, Informationen werden nicht rausgelassen, Interviews sind nur bis zu einem bestimmten Thema und bis zu einem bestimmten Punkt möglich und Zugang wird auch nur bis zu einem bestimmten Punkt gewährleistet. Deswegen konnte auch die ursprüngliche Idee, mit Bankern auf der Bühne zu arbeiten, nicht verwirklicht werden. Auf Seite der Banker herrschte ein extremes Misstrauen: gegenüber jedem, der sich für sie interessiert. Es wird angenommen, dass man sich aus kritisch-journalistischen Gründen für Dinge interessiert, die sie gerne im Obskuren lassen würden. Und diese Herausforderung hat natürlich auch seine Spuren in dem letztendlichen Endergebnis des Projekts hinterlassen – weil man damit kreativ umgehen musste: Was machen wir eigentlich, jetzt, wo wir nicht weiter kommen als bis zu der Schranke, wo wir nicht weiter kommen als bis zu dieser Tür und bis zu dieser standardisierten Antwort auf die Fragen, die wir an das System haben.

steirischer herbst 2013
5./6.10.2013, Orpheum Graz
15./16.11.2013, Mousonturm Frankfurt
26./27.3.2015 MaerzMusik Berlin, HAU 2
24.11.2016, Wien Modern, brut wien

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