Texte

„Zeichnen wurde schon früh meine unmittelbarste künstlerische Ausdrucksform. In den letzten Jahren arbeite ich zunehmend mit Kohle und Kreide, da sie mir Linie und Fläche zugleich ermöglicht und meinem Bedürfnis nach schnellem Erfassen von Wirklichkeiten entgegenkommt. Mein Ziel ist das ästhetisch Sichtbare, die unmittelbare Nähe zum Erlebten im Strich, das Wesentliche zu zeigen.”

Form trifft Linie – Linie trifft Form / Neue Keramik 5 / 10

Während Gemeinschaftsausstellungen gerade in der künstlerischen Umbruchphase zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert enorm populär waren, um gemeinsam neue Impulse zu setzen oder durchaus gewollt den ein- oder anderen Skandal vom Zaun zu brechen, sind solche Ereignisse heute eher selten geworden. Zu individuell verhalten sich die Künstler, ist der Markt ausgerichtet, bewegt sich der Trend der Zeit. Da erscheint eine Begegnung wie jene zwischen der Hofheimer Keramikerin Heidi Bereiter-Hahn und der Frankfurter Zeichnerin Christine Fiebig beinahe wie ein Bild aus alter Zeit: Zwei Künstlerinnen unterschiedlicher Disziplinen inspirieren sich gegenseitig und stellen die Ergebnisse gemeinsam aus. Einen Skandal wird man hierbei allerdings vergeblich suchen. Es ist vielmehr das elegante, sanfte, oft liebevolle, manchmal aber auch schroffe ineinander Verschränken der unterschiedlichen Auffassungen, Kunstformen und Denkensweisen, welche den Reiz dieser Zusammenarbeit ausmacht. Form trifft Linie, Linie trifft Form – ein Statement, das die Dimensionen konsequent verschiebt in die Nähe des anderen, der wiederum mit seiner Formensprache antwortet, entwickelt, begleitet und lockt. Linie wirft Keramik ein Echo zurück, die Form lauscht, beide befinden sich in beständigem Austausch.

Was gab den Impuls? Der Blick in die Ausstellungsräume der „Galerie beim Roten Turm“ in Sommerhausen macht deutlich: Hier lebt die dynamische Linie, die auf das Wesentliche reduzierte Form, das Schwarz in all seinen erregenden Schattierungen. Die polierte Oberfläche des Tons findet ihre Entsprechung in der Oberfläche des zarten Japanpapiers, eine weit schwingende Linie gibt Antwort auf die dreidimensionale Form, welche sich vor dem Auge des Betrachters immer wieder erneuert.

Wenn die Rede auf ihre Zusammenarbeit kommt, betonen beide Künstlerinnen, dass gemeinsame ästhetische Ideen zu teilen etwas ungemein Beglückendes sein kann. Der Kern ihrer Überzeugungen lässt sich am ehesten wie folgt zusammenfassen:
• Ihre jeweilige künstlerische Arbeit ist an einen sinnlich erfahrbaren Gegenstand gebunden. Der Betrachter kann diesen Gegenstand ohne ein zusätzlich zu erläuterndes gedankliches Konzept erfassen.
• Die Reduktion auf das Wesentliche ist beiden ein Anliegen.
• Das zum Etwas gehörende Nichts ist wesentlicher Teil ihrer Aufmerksamkeit.
• Die Natur ist beiden Vorbild.

Heidi Bereiter-Hahn konzentriert sich seit einigen Jahren auf das Brennen im Kapselbrand. Diese Technik stellt in besonderer Weise die Verletzbarkeit und Weichheit des verwendeten Materials in den Vordergrund. Nach dem Drehen auf der Töpferscheibe werden die Gefäße während des Trocknungsprozesses mehrfach mit Achaten und Fensterleder poliert. Nach einem ersten Brand bei 950° C im Elektroofen und einem zweiten bei ungefähr 1000° C im Gasofen in einer eigens für jedes Gefäß angefertigten Tonkapsel entstehen so Keramiken von schlichter Perfektion und mit großem Reiz.

Die Zeichnung ist für Christine Fiebig seit Jahren die unmittelbarste künstlerische Ausdrucksform. Sie arbeitet hauptsächlich mit Tusche, breitem Pinsel oder jedoch mit Kohle, ihre Zeichnungen greifen mit fester, konsequenter Dynamik tief in den Raum. Leichtigkeit, Rhythmus und Kraft sind dabei ihre Themen. Sie sucht die direkte Umsetzung des Erlebten und versucht dabei, das Wesentliche zu zeigen.

Kennengelernt haben sich Heidi Bereiter-Hahn und Christine Fiebig über die von beiden praktizierte japanische Blumenkunst des Ikebana. Die Arbeit an der zerbrechlichen, endlichen Materie war Kristallisationspunkt für zahlreiche Gespräche als Impuls für ein Zwiegespräch zwischen Keramik und Zeichnung. Natürlich stehen die hierbei präsentierten Werke zuallererst für sich allein. Wer sich aber die Zeit nimmt, die Verbindung zwischen den Linien zu suchen und zu finden, der wird tatsächlich zwischen schwarz und weiß weitaus mehr lesen können, als es auf den ersten Blick erscheint. Ein aufregendes Projekt zweier Frauen, die der geschlechtlichen Hervorhebung nach dem abgenutzten Motto „Starke Frauen in der Kunst“ überhaupt nicht bedürfen – das gemeinsame Werk leistet diese Arbeit mit Leichtigkeit!
Autor: Alexander Hardy, Publizist und freier Autor

Galerie beim Roten Turm
Rathausgasse 20
97286 Sommerhausen