Nashun Nashunbatu
Natur als metaphysischer Raum der Wirklichkeitskonstruktion
Die metaphysische Auseinandersetzung des Menschen mit der Welt und die Frage nach der Konstitution von Sinnhaftigkeit laufen in Nashun Nashunbatus Bildern zusammen mit einer innovativen und zugleich hochaktuellen Befragung der Möglichkeiten zeitgenössischer Malerei.
Die Darstellung von Sandebenen und Steppen der Wüste als spezifische Naturlandschaften stellt eine Konstante in Nashunbatus großformatigen Bildern dar. Ihr Ikonizitätsgrad bewegt sich bewusst zwischen zweidimensionalen und dreidimensionalen Wahrnehmungsspektren, die Tiefenschärfe ermöglichen, ohne den Malprozess zu leugnen. Innerhalb der ausdifferenzierten Bildebenen bringt die variantenreiche Struktur des Farbauftrages fließende Übergänge zwischen präziser, naturalistischer Formgebung und abstrakten, pastosen Farbfeldern hervor. Die im Auge des Betrachters oszillierenden und miteinander in Dialog tretenden Bildebenen setzen sich zu einer Gesamtkomposition zusammen, die ein dynamisches Sehen voraussetzt. Die auf formaler Ebene vom Betrachter eingeforderte Syntheseleistung durchzieht Nashunbatus Werke auch in ihren inhaltlichen Implikationen.
Dies wird insbesondere anhand der Darstellung der menschlichen Figuren deutlich: In Nashunbatus Bildern erscheint der Mensch durch seine verkleinerte Gestalt zunächst im Sinne der klassischen Staffagefigur als Beiwerk der monumentalen Landschaft. Die Kleinheit der Figuren im Verhältnis zur Weite ihrer Umgebung steht jedoch in einem offenen Gegensatz zu ihrer minutiösen Ausführung. Die hervorgerufene Unproportionalität lenkt den Blick des Betrachters unweigerlich auf die Handlungen der Figuren: Während diese sozial interagieren, körperlich arbeiten oder andere Aktivitäten ausführen, schenken sie ihrer Umgebung keinerlei Aufmerksamkeit. Die dem Bildkontext entrückten Figuren weisen in einigen Bildern zusätzliche Attribute in Gestalt von Tieren, Fabelwesen oder Architekturelementen auf. Diese Bedeutungsträger, aber auch die sonderbaren Gestiken und bizarren Handlungsweisen verkehren die Anwesenheit der Figuren ins Surreale. Die Deplatziertheit der Figuren bricht mit den Sehgewohnheiten des Betrachters und macht ihn zum Beobachter, der einer verrätselten, mitunter beunruhigenden Bildsprache gegenüber steht. Die Möglichkeiten zeitgenössischer Malerei ausschöpfend, erweisen sich Nashunbatus Bilder als Anregungen zur Interpretation der Welt und ermöglichen auf komplexe Art und Weise einen inneren Dialog zur Konstitution ihrer Wirklichkeit.
In der Betonung metaphysischer Erkenntnisprozesse bezieht sich Nashunbatu gleichermaßen auf die neuzeitlichen Traditionen der Landschaftsmalerei Europas, wie auf die ältere Überlieferung ostasiatischer Landschaftsmalerei. Zur Formulierung seiner eigenständigen Bildsprache rekurriert Nashunbatu auf kunstgeschichtliche Darstellungsformen, die den inneren Dialog des Betrachters mit dem Bild forcierten und auf diese Weise wesentliche Gestaltungsfreiräume moderner Kunst vorwegnahmen. In diesem Zusammenhang bieten innerhalb der europäischen Kunstgeschichte die diversen Positionen romantischer, symbolistischer und surrealistischer Malerei kunsttheoretische Bezugspunkte, die sich im kollektiven Bildgedächtnis des 21. Jahrhundert eingeprägt haben. Nashunbatu macht die Präsenz dieser künstlerischen Darstellungsstrategien auf reflexive und intelligente Art und Weise für seine Kunst fruchtbar. Dies lässt sich anhand der Eigenständigkeit seiner Bildfindungen belegen, die in einem kritischen Verhältnis zu den klassischen Darstellungsformen romantischer Landschaftsmalerei stehen: Nashunbatu knüpft lediglich vordergründig an die Tradition der Romantik an, indem er Mensch, Natur und Kultur als übergeordnete sinnkonstituierende Aspekte des menschlichen Seins zu seinem Bildthema erhebt. Vielmehr negiert er mit seiner irritierenden Bildsprache die Vorstellung eines sinnhaften Gesamtzusammenhangs, wie ihn die Romantik propagierte. Anstatt Lösungsansätze anzubieten, lässt Nashunbatu die Sinnsuche des Menschen im Unbestimmbaren enden. So verschränkt Nashunbatu surrealistische Bildelemente mit einer symbolistischen Bildsprache, die bewusst Irritation und Verrätselung zu ihren Vermittlungsstrategien macht.
Zeitnahe, wahrnehmungsgebundene Eindrücke wirken ebenso auf Nashunbatus Bildfindungsprozesse ein, wie innere Erinnerungsbilder mongolischer Landschaften. Die sich formenden Gedankenverknüpfungen beherrschen schließlich die bildnerische Umsetzung. So werden Zitate aus verschiedenen kulturellen Kontexten - stets im Blick auf die Gesamtkomposition - in einen offenen Bezug zueinander gesetzt. Diesen offenen Zusammenhang führt Nashunbatu über die Grenzen des Bildes fort, indem er seine Bildfindungen stets einem vergleichenden Blick unterzieht.
Nahunbatus Malweise ist experimentell angelegt, ohne ihren Gegenstand aus den Augen zu verlieren. In seinen jüngsten Bildern entwickelt Nashunbatu eine Tendenz zur Farbigkeit, die ihren Ursprung in seiner eigenen Naturaneignung fand. Das Bestreben, spezifische Erscheinungen der Sandebenen farbiger modulieren zu wollen, führte den Maler schließlich zu einer experimentelleren Umgangsweise mit Farbflächen innerhalb des gesamten Bildraumes. (Abbildung: ARVENHOYAR)
In ihrer Bedeutungsvielfalt spiegeln Nashunbatus Bilder psychische Zustände, die von den Ambiguitäten zwischen Beklemmung und Weite, Isolation und Befreiung geleitet sind. Gegensätzlichkeiten gehen in seinen Bildern eine spannungsvolle und dynamische Wechselbeziehung ein, die Charakteristiken nicht einebnet, sondern das Verhältnis zur Welt als ein komplexes und unergründliches erfahrbar macht. Die Einforderung formaler sowie inhaltlicher Syntheseleistungen begründet Nashunbatus beunruhigende Bildsprache, die dem Betrachter die Wirklichkeit als kontingente Konstruktion vor Augen führt.
Denise Koch
Kunst- und Kulturwissenschaftlerin - Kuratorin
lebt und arbeitet in Frankfurt am Main