2011 Text by Margret Kampmeyer

ON THE GRAPEVINE Wer jemals "Stille Post" gespielt hat, weiß um die Heiterkeit, die ein Text auslöst, der mehrfach von Person zu Person geht und am Ende mehr oder minder durch akustisches Missverstehen zu sinnfreien Sätzen mutiert ist. Einem ähnlichen Prinzip folgt die videoinstallation von Özlem Günyol. Anders jedoch als bei dem bekannten Spiel geht es ihr um Missverständnisse, die das mündliche Übersetzen von einer Sprache in eine andere produziert.

"Beim Erlernen einer Sprache geht es nicht nur um das Verständnis der Satzstruktur oder um die Bedeutung der Wörter, sondern auch um die Organisation der Buschtaben. Des weiteren ist für jede Sprache charakteristisch, dass die Person, die die Worte mit einem bestimmten Klang und Rhythmus ausspricht, den gebrauch der Sprache für sich bestimmt. Gerade die Person, die eine neue Sprache lernt, nähert sich der Fremdsprache mit ihrer bzw. seiner eigenen linguistischen Melodie und Rhythmus. Dieses Phänomen führt bisweilen zu Missverständnissen."
(Özlem Günyol)

Dieser Text, der aus dem Türkischen ins Deutsche übertragen wurde und damit auch schon eine erste Interpretation darstellt, wird auf sieben Monitoren von Dolmetscher zu Dolmetscher weitergereicht, ins Türkische übersetzt, dann ins Deutsche, wieder ins Türkische etc. Die Installation zeigt den Verlauf als Ereignis, bei dem alle Dolmetscher gleichzeitig sprechen. Der Gedanke an den mythischen Ursprung der sprachenvielfalt scheint auf, namentlich die babylonische Sprachverwirrung. Die Erkenntnis, das sich in Sprachen nicht nur Fakten, sondern auch kulturelle Werte und Denkmuster artikulieren, hat Denker wie Walter Benjamin und jacgues Derrida zu komplexen und einflussreichen Theorien auch über das Ziel von Übersetzungen angeregt. schließlich wurde unter dem Einfluss postkolonialer studien der Begriff der kulturellen Übersetzung eingeführt und ist bis heute aktuell.

Özlem Günyol hat eine viel alltäglichere Erfahrung mit Fremdsprache im Blick. Ihr geht es nicht um Literatur, sondern um die gesprochene Sprache und ihre spontane mündliche Übertragung in eine andere. In ihrer Arbeit hebt sie hervor, dass bei diesem Prozess auch die Persönlichkeit des Dolmetschers und das kulturelle Muster seiner eigenen Sprache auf sein Arbeitsergebnis einwirken. Die Künstlerin simuliert die Installation als Kongresssituation – die Probanden sind konzentriert, mit Kopfhörern ausgestattet, in enger Reihung – und behauptet so ein Szenario der schnellen professionellen Informationsübermittlung und eines scheinbar objektivierbaren Transfers von Fakten. Der Eindruck täuscht. Auf den zweiten Blick ist erkennbar, dass die Dolmetscher in Kleidung und privater Umgebung und ganz entschieden in Temperament und Auftreten unverwechselbar sind und dass ihre Tätigkeit höchst unterschiedlich im Ergebnis ist. Mit dem Titel ihrer Arbeit, "On The Grapevine", bedient sich die Künstlerin des Englischen bildlichen Ausdrucks für das beiläufig, auch gerüchteweise Gehörte, das nicht unbedingt richtig verstanden wurde oder gar wahr sein muss. In auffallendem Gegensatz zu dieser Darstellung der lebensvollen und emotionalen Seite des Vermittelns steht der zentrale Text der Installation selbst. Angesicht seines spröden und sachlichen Sprachduktus verschließt er sich einem schnellen Verstehen und mutet seinerseits fremd und übersetzungsbedürftig an.
Margret Kampmeyer

2011, Heimat Kunde
30 Künstler Blicken Auf Deutschland
Page 68–71
HIRMER Verlag / Jüdisches Museum Berlin
ISBN 978–3-7774-5021-6