Text - Jean-Christophe Ammann

Viola Bittls diskrete Unbeirrbarkeit

Viola Bittls Bilder (Öl auf Leinwand) sind schwierig, weil jedes von ihnen einen langen, eigenen Weg gegangen ist. An die acht Werke schuf sie in einem einzigen Jahr. Schicht für Schicht arbeitete sie sich durch das einzelne Bild, von dem sie nicht wusste, wie es schließlich aussehen würde.

Die Bilder sind sehr verschieden, sind also nicht dergestalt, dass sich das eine aus dem anderen ergibt. Es gibt eine Ausgangssituation, eine Idee, und dann beginnt der Prozess, dessen Bandbreite sich über Monate erstreckt und verengt, in etwas mündet, von dem man sagen könnte, das Ähnliche und Verschiedene liegen sehr nahe beieinander. Aber dem ist nicht so. Es gibt einen Moment der Unverrückbarkeit. Die Bilder sind sich selbst, „erzählen“ nur sich selbst, sind durch die vielen, nicht unmittelbar sichtbaren Überlagerungen oft von beträchtlichem Gewicht. Sie sind die Qualifikation aller Schichten und Eingriffe. Sie sedimentieren Gedächtnis und Erinnerung, angereicherte Wahrnehmung, Leere, das Nicht-Weiterwissen.

Die Arbeiten sind schwer in ihrer Essenz und Wirkung abzubilden. Im Original erscheinen sie diskret. Man könnte sie leicht übersehen. Sie sind letztlich nicht beschreibbar, außer formal, oder verbunden mit eigenen Assoziationen. (Es gibt ein blaues Bild [“ohne Titel“, 45 x 55 cm, 2011], das ich als Unterwasserbild zu erkennen glaubte, aber das war einzig und allein meiner Phantasie zuzuschreiben.) Die Bilder von Viola Bittl besitzen einen Reichtum, der sich verschweigt. Die Diversität entspricht der Erkundung des Selbst aus verschiedenen Perspektiven. Die Erdung bleibt bewahrt.

Was beeindruckt, ist die Kontinuität, die erlebte Zeitspanne, die Zweifel und das Selbstvertrauen, die in ein Werk investiert werden. Aber all dies sieht man nicht. Nur die Diversität. Das Existenzielle eines in sich Andersseins in der Wahrnehmung von Welt.

Viola Bittl hat etwas Unbeirrbares. So wie sie sich in ihrem Wesen zurücknimmt, „verstecken“ sich ihre Bilder. Da ist eine kühle, sich spontan und wie in Zeitlupe artikulierende Glut, die mehr spürbar als sichtbar ist. Anders ausgedrückt: Es sind gelebte Spuren, erforschte Schürfungen, die sie hinterlässt.

Viola Bittl zeigt sich nicht. Sie wirkt in ihren Bildern durch eine unergründliche Präsenz.

Text aus dem Katalog „Hundert Prozent“ von 2012, anlässlich der Ausstellung im 1822-Forum, Frankfurt am Main