2009 Text by Thomas Köllhofer (GER)

ÖZLEM GÜNYOL & MUSTAFA KUNT

Die Schönheit von Bildern kann betörend sein. Die Welt ist schön! Bisweilen
aber verbirgt sich hinter großer Schönheit Angst und Schrecken. So zeigt
die fotografische Arbeit Scenes von Özlem Günyol & Mustafa kunt blauen
Himmel, Berge, einen See. Diese landschaften laden zur Begehungein. ihre
Weite löst beim Betrachten ruhe und Entspannung aus. Die Titel der
Fotografien aber berichten davon, dass diese landschaften orte des Grauens
waren. Es sind Aufnahmen der Grenzen zwischen dem Kosovo und
Montenegro, Serbien, Mazedonien und Albanien. Grenzstreifen, an denen
erbitterte kämpfe stattgefunden haben. nichts wird sichtbar von der
Geschichte, von den kriegerischen Auseinandersetzungen und den damit
verbundenen persönlichen Schicksalen. Sobald jedoch über die Titel
Erinnerungen und Bilder aus der jüngsten Vergangenheit wachgerufen werden,
verlieren die landschaften ihre Unschuld.

Ein zentrales Thema von Günyol & Kunt ist die Auseinan dersetzung mit der
identität von Einzelpersonen, von Volksgemeinschaften und nationen. Sie
fragen nach der Verletzlichkeit des Einzelnen, nach dem persönlichen Schicksal
unter der Gewalt institutioneller Macht sowie nach der kollektiven identität,
deren unterschiedlichen Ausprägungen und den Folgen der
Auseinandersetzung verschiedeneriden titätsgruppen. Es geht ihnen auch
darum zu hinterfragen, wie identität gestiftet wird: über nationalität, ethnische
zugehörigkeit oder Sprache, über politische Gesinnung oder religion, über
Geschlecht oder gar Alter.

Günyol & Kunt pflegen einen spielerischen Umgang mit den vielfältigsten
Symbolen nationaler identität. Bisweilen verwenden sie nur Fragmente dieser
Symbole, deren Ursprung nicht sofort erkennbar ist. So werden auch sie zu
Trugbildern. Für State Paintings haben Günyol & Kunt die linienmuster
aus verschiedenen reisepässen in Ausschnitten vergrößert. Diese grafischen
Strukturen verraten zunächst nicht, dass es sich bei ihrer reizvollen
ornamentik um ausgeklügelte Sicherungssysteme zum Schutz gegen
Fälschung handelt. Der Besitz eines Passes ist die Voraussetzung für
grenzüberschreitendes reisen. Wer allerdings zwar im Besitz eines gültigen,
nicht aber des ‚richtigen’ Passes ist, dessen Bewegungsfreiheit kann sehr bald
an Grenzen stoßen.

Die Videoarbeit Untitled (borders from 1804 to 2006) zeigt ständig sich neu
konfigurierende Farbflächen. Diese scheinbar abstrakten Farbfelder
dokumentieren jedoch tatsächlich die Staatsgrenzen Europas zwischen 1804
und 2006. Hinter diesem spielerisch sich verändernden Bildteppich stehen
somit politische, meist kriegerische Auseinandersetzungen.

Vergleichbares gilt für die Arbeit Ceaseless Doodle. Scheinbar absichtsloses
Gekritzel erinnert an Telefonzeichnungen.Doch handelt es sich um die
übereinandergezeichneten präzisen Umrisse aller Staaten der Erde, die sich
zur Form eines fragilen Globus verweben. leicht und zufällig erscheint hier
der Umgang mit Staatsgebilden, deren Grenzziehung de facto immer wieder
von tragischen Schicksalsschlägen begleitet ist.

Während hier die filigranen Umrisse der nationen ein zerbrechliches Ebenbild
der Erde geben, entsteht bei flag-s durch das Übereinanderdrucken der
Fahnen aller nationalitäten ein schwarzes rechteck. Dieses Schwarz wirkt
allerdings weniger wie das Ergebnis einer Addition als vielmehr wie eine
Subtraktion, wie die innere Auflösung dieser nationalen Symbole und damit
der zugehörigen nationalitäten. Eine schwarze Flagge steht für Trauer und
Tod, aber auch für Anarchie und Chaos. Chaos bedeutet auch Grenzenlosigkeit.
Welche Grenzen braucht der Mensch? Sind Grenzen Schutz? oder ist jede
Grenzziehung bereits ein erster aggressiver Akt, der die Freiheit des
Gegenübers einschränkt?

266 Staaten gibt es, die eine nationalhymne besitzen. Bei Hullabaloo werden
diese nationalhymnen so abgespielt, dass sie nach der Hälfte der Spieldauer
kurzfristig alle gemeinsam zu hören sind. Das Abspielen der Hymnen folgt
einer klaren, planvollen komposition. Dennoch entsteht ein unangenehm
lauter klangteppich, bei dem die einzelnen Melodien in einer kakofonie
untergehen. Chaos statt Musik oder Wohlklang. Diese Arbeit von Günyol &
Kunt erinnert an den Turmbau zu Babel und die Bestrafung der menschlichen
Hybris durch sprachliche Verwirrung. Eine Wand mit 266 lautsprechern steht
dem Betrachter wie ein brüllendes Wesen gegenüber. Es ist die globale
Gleichzeitigkeit, die zum Verlust einer erkennbaren identität führt.

Auch bei dieser in der Kunsthalle Mannheim gezeigten Arbeit greifen
Özlem Günyol & Mustafa Kunt auf geläufige Bilder und Symbole zurück und
unterwandern sie unauffällig. Durch Wiederholung und Transformation wird die
Macht des originals entkräftet.


Thomas Köllhofer

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„Özlem Günyol & Mustafa Kunt, Sandra Kuhne, Regine Müller-Waldeck,
Martin Pfeifle, Martin Wöhrl“, Hrsg.: Ulrike Lorenz, Katalog zur Ausstellung
Hector Förderpreis 2009, Kunsthalle Mannheim, 78 Seiten, Verlag:
Wienand Verlag
ISBN: 978-3868320152