2008 Text by Felix Ruhöfer (GER)

be-cause

Die Frage nach sozialer, kultureller oder persönlicher Identität scheint vorzugsweise auf basalen Parametern der Subjektbildung zu beruhen. Die Schwierigkeiten, die Konstruktion historischer wie aktueller Identitäten kritisch zu befragen, verweisen daher stets auf die Folie des Bezugsrahmens zwischen Subjekt und Welt und offenbaren dabei immer wieder die Aporie, diese beiden
Bezugsfelder singulär und isoliert zu betrachten. Das verwobene, sich aus vielfältigen kulturellen, psychologischen, sozialen und historischen Strukturen konstituierende Bild von Identität, welches auf einem instabilen, immer wieder infrage stehenden Subjektbild beruht, bleibt in diesem Feld eine sich prozessual entwickelnde Größe.

Im Kontext der vielgestaltigen Destruktionen einer vermeintlichen Einheitserfahrung des Subjekts, die innerhalb der geisteswissenschaftlichen Disziplinen im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem begründeten Misstrauen gegenüber dem idealistischen, autonom konzipierten Subjekttypus führten, vermittelt sich Identität, die kulturelle, soziale und historische Ausprägung des Einzelnen, als Überbau der Subjektbildung.
Identität vermittelt, mehr noch als die weit verzweigten Verästelungen und Motivationen der Subjektgenese, einen griffigen und sichtbaren Zugang zu einem erfahrbar gemachten ‚Identisch-Sein’. Da kulturelle, soziale oder auch politische Identität zumeist kollektiv gedacht wird, verbleibt diesem Begriff immer ein nicht zu tilgender Rest dieses ‚Identisch Seins’, wogegen man an dieser Stelle mit Adorno gegen Hegel einwenden kann, dass die Ambivalenz als Instanz gegen die Subsumierbarkeit als Auslöser von Erfahrung selbst offensichtlich wird, einer Erfahrung, welche die Widersprüche und Spannungsfelder von etwas wie ‚Identität’ anerkennt und als solche spürbar werden lässt.

„Die in Rede stehende Haltung ist die der ‚intolerance of ambiguity’, Unduldsamkeit gegen das Ambivalente, nicht säuberlich Subsumierbare; am Ende gegen das Offene, von keiner Instanz Vorentschiedene, gegen Erfahrung selbst“1

Das, was wir als Identität begreifen, ist das, was aus der nicht deutlich zu erkennenden Subjektkonstitution des Einzelnen heraus sichtbar und kollektiv wird, zumindest werden kann. Es ist das, was der Fall ist, Faktum ist, so besteht, als Sein, als Fall, ein ‚be-cause’.

Özlem Günyols und Mustafa Kunts Arbeiten beruhen zumeist auf einer Skepsis gegenüber dem Selbstverständnis im Umgang mit Identität und optieren dabei für ein gegenüber den Normierungsprozessen und sozialen sowie kulturellen Prägungen der Identität offenes Verständnis des Begriffs. Das Ambivalente, entgegen einem ‚Identisch Sein’, wird in der Kunst von Günyol und Kunt immer wieder sichtbar und verweist zugleich auf dessen prozessualen Charakter und die Notwendigkeit, im Rahmen der Ausformulierung von Identität auf individuelle Anteile, auf Erfahrung selbst, zu setzen. Sie befragen und zersetzen in ihren formal höchst heterogenen künstlerischen Arbeitsprozessen Bilder von kollektiver und individueller Identität. Zugleich fragen sie nach Möglichkeiten, die Zwischenräume, die anhand der Ausbildung von Identitäten spürbar werden, anders, offener und komplexer zu denken, als dies zumeist vollzogen wird.

Die Aneignung und Verfremdung massenmedialer Darstellungen sowie die komplexe Auseinandersetzung mit sich in sprachlichen Vermittlungsformen manifestierenden Normen, entwickeln in ihrer Kunst einen breiten Horizont, um aktuelle gesellschaftliche Fragen der kulturellen und staatlichen Zugehörigkeit kritisch zu reflektieren. Die Bedeutung von Sprache, Symbolen und medial vermittelten Informationen sowie deren Anbindung an kulturell codierte Verständnismuster sind dabei wiederkehrende Motive ihrer künstlerischen Arbeit.

Distanz, Nähe und die Frage nach der Repräsentanz von individueller und kollektiver Identität
werden dabei als Themen deutlich, die unsere Lebensbezüge vielfältig durchziehen.
Felix Ruhöfer

1 Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie, Frankfurt, 1993,
Original (1970), Seite 176

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be-cause

Özlem Günyol & Mustafa Kunt
64 Seiten, 4-farb Druck
mit Texten von Felix Ruhöfer, Fatos Ustek und Denise Koch
Gestaltung: Lukas Schneider
ISBN 978-3-98124870-8

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