2008 Text by Fatos Ustek (GER)

Ich habe diesen Text immer und immer wieder überarbeitet und begann ihn
jedes Mal neu, wenn ich das Bedürfnis verspürte noch mehr zu sagen und
dies weiter auszuführen. Europa, ‚Europeanness’ und der Sachverhalt ein
Europäer zu werden, und so am Zustand der Zugehörigkeit teilzunehmen,
ruft zahlreiche Felder des Verstehens hervor. Darin besteht die
Herausforderung des Textes sowie der Reiz am Prozess.

Avrupa-lı-la1-tı-r-abil-di-k-leri-miz-de-n-mi-sin-iz? (Are you one of among
whom we were able to make to become European?) ist eine kooperative
Arbeit von Özlem Günyol und Mustafa Kunt, die letztes Jahr als Installation
in Frankfurt realisiert wurde. Das überaus dynamische und gedrängte
Bahnhofsviertel, das von Menschen aus verschiedensten Ländern und sozialen
Herkünften belebt wird, wurde dafür von den Künstlern als spezifischer
Installationsort ausgewählt. Vorallem der vergleichbare ökonomische
Hintergrund bringt die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in ein und
demselben Viertel zusammen. Die Installation wurde, eingebettet in diese
Nachbarschaft, auf der Fassade eines modernen Gebäudes angebracht, wo sie
sich zu einer Attraktion für Passanten und insbesondere für die türkische
(lesende) Gemeinde entwickelte. Die auf Türkisch formulierte Frage war an
die türkische Gemeinde des Viertels gerichtet, wodurch Thema und der Inhalt
der Arbeit näher bestimmt wurden. Wenn Nicht-Türken versuchten die Arbeit
zu entschlüsseln, konnte sie als ein sich auf Europa beziehender Text oder eine
Werbekampagne verstanden werden. Diese Verwirrung wurde von Günyol und
Kunt gelöst, indem der zweite Teil der Arbeit in ihrer Einzelausstellung
„be-cause“ bei basis mit einem erklärenden Begleittext präsentiert wurde. Die
Installation zeigt darin schrittweise die Produktion des Wortes, das übersetzt in
andere lateinische Sprachen einen ganzen Satz ergibt. Das Wort mit seinen
Silben, die eigentlich Nachsilben sind, stellt, angefangen mit dem Wort Europa,
eine zeitliche Frage.

Auf Türkisch ist die Produktion von Wörtern ein Konstruktionsprozess.
Angefangen mit dem Stammwort können Annexe, Suffixe und Präfixe
hinzugefügt werden, um neue Wörter im Bezug zum Wortstamm zu bilden.
Zum Beispiel meint ‚göz’ Auge und ‚gözlük’, was durch den Zusatz ‚-lik’
gebildet wird,Brille – ‚Gözlükcü’ ist die Person, die Brillen herstellt und
verkauft. Die Struktur begründet sich dabei durch die Vokalsetzung in
Reimform und den Anforderungen für die Wortbildung. Dieses Beispiel zeigt,
dass die türkische Sprache es erlaubt, lange Wörter mit Annexen, Suffixen
und Präfixen zu bilden. In der Grundschule lernt man demnach nicht nur
lesen und schreiben, sondern auch Wörter mit Suffixen zu bilden und diese in
die kleinstmöglichen Silben aufzulösen oder so viele Silben wie möglich
hinzuzufügen, um ein sinnvolles und komplexes Wort zu kreieren. Der
Wettbewerb, wer das längste sinnvolle Wort bildet, endet dabei meistens mit
einem Wort zu einem Land und seiner Verstaatlichung. Das längstmögliche
Wort steht daher oftmals im Bezug zu nationalistischen Normen der
Zugehörigkeit und Partizipation.* Günyol und Kunt berücksichtigen dieses
Wortspiel und positionieren Europa dort, wo das Wortspiel einen politischen
Ausdruck erfährt. Sie untersuchen Normen europäischer Zugehörigkeit und
Partizipation,indem die Perspektive des Wortes von einem einzelnen Land und
seinem nationalen Aspekten auf den Kontinent Europa als Ganzes erweitert
wird. Einflüsse westlicher Kultur werden reflektiert und zur Projektion einer
Metanarration. Unter dem Gedanken einer Metanarration konfligiert dabei die
Arbeit mit der postmodernen Diskussion um die Ankündigung des eigenen
Verfalls. Günyol und Kunt markieren dazu Narrationen und
Rezeptionsverhältnisse, die sich in unserer Gegenwart abspielen.

Die auf Türkisch ausgeführte Arbeit weist dabei auf Tendenzen hin, die in der
Türkei, in Europa und der westlichen Welt stattgefunden haben. Mit anderen
Worten: Die türkische Beziehung zur Moderne und westliche Orientierung
wurden anhand europäischer Entwicklungen und Lebensstile gekennzeichnet.
Die im zwanzigsten Jahrhundert, als ein aufatmendes Land mit dem Drang
auf der Höhe der Zeit zu agieren, gegründete Türkei, hat heute zum Großteil
mit der Entwicklung zu einem modernen Land abgeschlossen. Die Fragen nach
dem ‚where to go’ und ‚what to follow’ haben dabei die Entwicklungsstrategien
von Beginn an geprägt. Europa ist zu einem Entwicklungsmotor geworden: das
kulturelle und technologische Schloss des Neuen, des Besseren und des
Besten. Die Verspätung etwas Neues aufzubauen, von Beginn an jeden
einzelnen Aspekt der Produktion und Existenz mit zu gestalten, hat für viele
Türken eine bestimmte Unruhe und Aufregung hervorgerufen, sich womöglich
zu etwas Unbekanntemund Fremden zu entwickeln. Trotzdem ist der Westen
für die Türkei zum Objekt der Begierde geworden: das immer weiter
Fortschreitende und nie Erreichbare. Mit dem rapiden Drang nach Fortschritt
und Entwicklung,entstand die Melancholie eines verpassten Zuges, der niemals
erreichbar scheint. (Das Gefühl am Bahnsteig zu sitzen und dem verpassten
Zug hinterher zu schauen...**) Die nationale Erklärung, sich dem Westen
anzunähern und dessen Entwicklungsabsichten anzunehmen, resultierte in
einem Spannungsverhältnis, indem sich auf der einen Seite Geschichte und
Tradition befanden und auf der anderen Seite Fortschritt und Modernisierung.
Durch die Europäische Union und dem Beitrittsstatus der Türkei hat sich dieses
Modell bis heute gehalten. Seit 2001 hat die Integration europäischer
Richtlinien das Land, seine Gesetzgebung und sozialen Strukturen umgestaltet.
Der eingeleitete Wandel befindet sich dabei auf einem produktiven und
anspruchsvollen Level.Die notwendigen Parameter sollen dabei schnell und
effektiv umgesetzt werden, um den Erwartungen an die liberal formulierten
Kapazitäten der Selbstverwirklichung gerecht zu werden. Die modernen
Tendenzen der Vergangenheit bestehen demnach durch den Aufnahmeprozess
in die EU weiter, der zur Gestaltung einer modernen und sozialen Türkei führen
wird. Die EU-Mitgliedschaft kann dann als Beweis herangezogen werden,
angekommen zu sein und den Zug erwischt zu haben. Eine Frage bleibt
jedoch: In welchem Abteil wird die Türkei reisen?

Die türkischen Modernisierungsstrategien stehen im Bezug zur Gegenwart, wie
auch zu dieser Arbeit, die den fragmentierten Seinszustand durch den Bezug
auf Metanarrationen und den Zusammenhang Europas mit seinen Aspekten
der Zugehörigkeit und Neudefinition sozialer Sphären illustrativ darstellt. Der
Vertrag von Lissabon stellt in diesem Zusammenhang die jüngste Diskussion
der Europäischen Union dar, eine gemeinsame Verfassung für alle
Mitgliedsstaaten zu verabschieden. Aktuell wurde die Ratifizierung von der
irischen Bevölkerung abgelehnt. Da die eigene Position gegenüber der EU für
viele Bürger immer noch unklar ist, wird es demnach wohl zu einer
Neudefinition der Begriffe Einigung und Zusammengehörigkeit (bzw. von
Europäisierung) kommen. Möglicherweise wird der Einigungsprozess dabei
die Standardisierung von Lebensstilen vorantreiben und zur Normalisierung
von Ritualen und Gewohnheiten zwischen Minder- und Mehrheitsgruppen
führen. Differenzieren wir Gesellschaft in Minder- und Mehrheitsbereiche und
schließen Regulationsnormen mit ein, entsteht eine homogene Masse, die
Minderheiten nivelliert. Hier wird Hannah Arendts Definition des normalen
Menschen aufgegriffen, der bloß ‚zweimal zwei ist vier’ wiederholen kann.

Was sich heute als Europa darstellt, ist weder mit dem Zustand in den 1980er
Jahren noch mit den 1970er oder 1960er Jahren vergleichbar. Die Europäische
Union ist bestrebt eine starke politische Position auf der Weltbühne zu
vertreten. Normen der Hygienisierung, Normalisierung und Differenzierung
werden dabei eingesetzt um Lebensstile anzugleichen, soziales Verhalten zu
kontrollieren und Grenzen zu festigen. Der ökonomische und soziale Austausch
wird dadurch täglich enger geschnürt. Die Anderen werden ausgeschlossen.
Sie bleiben unberührt und unverbunden. Mit anderen Worten: Die Anderen
werden zu Außenseitern, die auch draußen bleiben sollen. Der Ausschluss
von Vielfalt und Differenz wird dabei durch die wachsende Zahl rechts
orientierter Regierungen und nationalistischer Tendenzen verstärkt. Europa,
eine Festung für sich, wird flankiert von Konservatismus und Abgrenzung.
In diesem Kontext der Frage nach Partizipation nachzugehen, illustriert nicht
nur den Gedanken einer Kontinent-basiertenden Nation,sondern verweist
zugleich auf die eigentümliche Konstitution einer solchen Bevölkerung.

Günyol und Kunts Frage untersucht den Wandel, der durch das Leben in
Europa, als Bestandteil der westlichen Zivilisation stattgefunden hat. Das ‚
Werden’ *** verdeutlicht dabei die Veränderung und Differenz zwischen
dem, was man war und dem, was man geworden ist. Die überzeichnete
westliche Zivilisation und ‚Europeanness’ spiegelt sich dabei jeweils durch
den gegenwärtigen politischen Zustand, sowie im Auge des Betrachters.
Menschen, die in Europa gelebt haben, in diesem Fall die Türken, die seit
fast fünfzig Jahren in Deutschland leben, haben erfahren, wonach sich die
in der Türkei Zurückgelassenen sehnen. Was aber ist Realität? Bist Du,
oder kannst Du Europäer werden? Kann dieser Prozess zufrieden stellend
ausgehandelt werden und was bedeutet das? Wo befindet er sich? Wo wird
er uns hinführen? Wird es ein ‚Wir’ geben, das auf autonomer Partizipation
gründet? Können wir überhaupt dieses ‚Wir’ als solches bezeichnen? Wie
wird unsere Gesellschaft in der Zukunft aussehen? Bist Du/Willst Du dazu
gehören? Kannst Du Dich angleichen? Wie wird sich das anfühlen? Wie fühlt
es sich gerade jetzt an?

Fatos Ustek

Übersetzung Felix Hevelke

* For instance, Czech Republic is the country with the longest name in Turkish,
and is the most regarded longest word with syllables when made into ‘are you
among the ones who we were able to make to become Czech’.

** Ahmet Hamdi Tanpınar has keyed the term ‘missed train’ in regard to the
contemporary conditions of 50’s Turkey. Tanpınar was one of the influencing
prominent writers in Turkey.

*** The wording of becoming is used in reference to the conceptualisation of
Gilles Deleuze. For Deleuze becoming is a continuous ontological procedure
where the real and the construction of real is in a state of flux, or differentiation.
In this perspective I claim that, the Europeanification of Europe is being defined
by thecontinuous introduction of concepts of social aspects in order to perform
the desired entity.

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be-cause

Özlem Günyol & Mustafa Kunt
64 Seiten, 4-farb Druck
mit Texten von Felix Ruhöfer, Fatos Ustek und Denise Koch
Gestaltung: Lukas Schneider
ISBN 978-3-98124870-8

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